Seliger Johannes von Fiesole oder
Seliger Angelicus (Fra Angelico)

Als Sohn einer wohlhabenden Landwirtfamilie aus dem Mugellotal im toskanischen Apennin um 1387 geboren, trat Fra Angelico, der mit bürgerlichem Rufnamen Guido di Piero hieß, im Alter von zwanzig Jahren gemeinsam mit seinem Bruder, einem Miniaturenmaler, in das Kloster San Domenico zu Fiesole ein. Bereits vor seinem Klostereintritt absolvierte er eine profunde Malereiausbildung, möglicherweise bei Fra Lorenzo di Monaco. Die Biografie dieses gottgeweihten Künstlers und Dominikaners liest sich angesichts der fundamentalen gesellschafts- und kirchengeschichtlichen Umbrüche und Verwerfungen im Herbst des Mittelalters spannend und hochdramatisch! Trotzdem muten dem geneigten Betrachter die überragenden Meisterwerke Fra Angelicos, des Engelsgleichen, wie er bald nach seinem Tode genannt wird, der ausnahmslos biblisch-religiöse
Bildikonografien schuf, wie glückselige Dioramen abendländisch-christlicher Prophetie an. Sie verkündeten den zu jener Zeit mehrheitlich des Lesens und Schreibens Unkundigen Gottes Heilswirklichkeit, aus dessen innerer Schau Fra Giovanni lebte. Mit der Gnadengabe seiner Kunst war ihm gleichsam das Werkzeug seiner Verkündigung vom befreienden und frohmachenden Evangelium Gottes anvertraut.
  

 


Albert Nolan. Ein Theologe aus Südafrika

Fra Giovanni wurde von seinem Ordensoberen Fra Antonin, dem späteren Erzbischof von Florenz, der zu den bedeutendsten Theologen seines Jahrhunderts gehörte, gefördert. Dieser leitete mit seiner Summa moralis eine Wiederbelebung der Theologie des heiligen Thomas von Aquin im Orden ein, von dessen Spiritualität Fra Giovanni geprägt wurde. Innerhalb des Dominikanerordens unterzogen sich einzelne Reformkonvente in jener bewegten Übergangszeit des Mittelalters zur Neuzeit einer Neubesinnung auf das Gedankengut des bedeutenden Kirchenlehrers Thomas von Aquin (1225-74), dessen gewichtiges Werk der Summa Theologiae hier erwähnt sei. Fra Giovanni da Fiesole wählte bewusst einen reformorientierten Dominikanerkonvent mittelalterlich-scholastischer Prägung. Der Biograf Fra Angelicos, Vasari, versuchte in seiner Lebensbeschreibung ein Motiv für dessen Ordenseintritt zu benennen und meinte, dass Guido von seiner Kunst, die ihn schon als jungen Maler qualifizierte, bequem in der Welt sein Auskommen hätte finden können. Aber er wollte, da er von Natur aus ruhig und gut war, „wegen seines inneren Friedens, vor allem aber um seine Seele zu retten“, in den Orden der Dominikaner eintreten, was im Mittelalter als der Königsweg zur Seelenrettung galt. Um 1429 wurde Fra Giovanni wie sein Bruder Benedetto zum Priester geweiht. Mit Hilfe von Schülern und seiner Werkstatt schuf Fra Angelico zahlreiche Altar- und Tafelgemälde, sowie Andachtsbilder für Mönchszellen, Refektorien, Klostergänge und Kapitelsäle dieser Dominikanerkonvente wie beispielsweise 1437-40 einen umfangreichen Freskenzyklus für das Kloster San Marco in Florenz.

Dieses Kloster wurde von seinem Umfang her und der zentralen Bedeutung innerhalb seines Gesamtwerkes zum eindrucksvollen Höhepunkt des zu jener Zeit völlig ausgereiften Künstlers. Seiner überregionalen Wertschätzung entsprechend erhielt er auch außerhalb der dominikanischen Konvente Einladungen für Aufträge. 1447 malte Fra Giovanni in einem Sommer die Deckenfresken der Madonnenkapelle von S. Brizio im Dom zu Orvieto.

Für die Cappella Niccolina im römischen Vatikan des Papstes Nikolaus V., der zu den Gönnern des bescheidenen und frommen Künstlers zählte, entsteht 1447-50 der abschließende Freskenzyklus im reichen Lebenswerk Fra Angelicos. Er widmet sich der Vita des heiligen Diakons Laurentius.Am 18. Februar 1455 starb Fra Angelico in Rom. Der Humanist auf dem Stuhl Petri, Nikolaus V., widmete seinem Freund voller Bewunderung die noch heute erhaltene Grabinschrift in der einzigen Kirche gotischen Baustils Roms: “Hier ruht der ehrwürdige Maler Fra Giovanni vom Predigerorden. Doch nicht als einen zweiten Apelles (griech. Maler um 330 v. Chr., d. Autor), sondern ob meiner Hingabe an Christus sollt ihr mich preisen.
Denn es gibt Werke, die auf Erden Dauer haben, und andere, die im Himmel bestehen. In der Stadt Florenz, der Blume Etruriens, erblickte ich das Licht der Welt.“ Oberhalb der Epitaphplatte dieses Großen der Malerei in lichter Höhe schwebt eine Licht-Ampel zum Zeichen lebendigen Erinnerns. In jüngster Zeit hat Papst Johannes Paul II. diesen leuchtenden Stern am Firmament der abendländischen Kunst selig gesprochen. Nunmehr ist Fra Giovanni, der malende Dominikanermönch, auch Schutzpatron der christlichen Kunstschaffenden.
Felix Johann Landgraf, Kunstreferent der Diözese Augsburg


Bibliografie:
Gertrud von Le Fort, Aufzeichnungen und Erinnerungen, Einsiedeln, 1951, S. 113ff.
Thieme/ Becker, Allgemeines Lexikon der Künstler, DTV, 1992
Anselm Hertz, Helmuth Nils Loose, Fra Angelico, Herder Verlag, 1981
Gabriele Bartz, Fra Angelico, Könemann, Köln, 1998
Wilhelm Hausenstein, Fra Angelico, Kurt Wolf Verlag, München, 1923